FOLGE 25: DAS JAHR 1913 -DIE RUHE VOR DEM
STURM


Für die Nadelindustrie und die Schallplattenindustrie war 1913 ein ruhiges Jahr. Was niemand wissen konnte: es sollte das letzte Friedensjahr vor der Tragödie des 1. Weltkrieges sein, nach welchem nichts mehr so sein konnte, wie es vorher war. Das Inlandsgeschäft boomte ebenso wie der Export. Die deutsche Sprechmaschinenbranche hatte sich auf Schallplatten in der sogenannten Berliner"-Schrift spezialisiert, Walzen waren völlig verschwunden und Platten in der sogenannten Edison"-Schrift hatten sich in Deutschland ebenfalls nicht durchgesetzt. Diese Technik wurde in Frankreich zwar von der dort marktbeherrschenden Firma Pathe verwendet, doch obgleich Pathe auch über ein kleines deutsches Repertoire verfügte, spielte sie hier praktisch keine Rolle. Die zum Abspielen erforderlichen Stifte mit Kugelkopf wurden in Deutschland gar nicht hergestellt und mussten aus Frankreich importiert werden (Abb. aus Phonographische Zeitschrift, XIV 50, 11.12.1913, S.1112).
Die Zeit des Experimentierens mit ständig neuen Formen und
Materialien für Grammophonstifte war vorbei, es gab kaum
noch etwas zu verbessern. Beim Kaiserlichen Patentamt gingen seitens
der großen Firmen kaum noch Anträge auf entsprechenden
Gebrauchsmusterschutz ein; die wenigen Anträge stammten von
unabhängigen Tüftlern.
Die Schwabacher
Nadel- und Federfabrik Fr. Reingruber beanspruchte
ein wenig originelles Gebrauchsmuster für eine Sprechmaschinennadel
mit rundem Schaft, der in ein flachgepresstes, zugespitztes Stück
übergeht, dadurch gekennzeichnet, daß das flachgepresste
Stück sich an den runden Schaft bündig anschließt
Abb. (Patent Nr.257087, beantragt 1912, erteilt im März 1913).
Zur Frühjahrsmesse 1913 berichtet die Phonographische Zeitschrift:
Wir hören soeben, dass die Firma Reingruber
das deutsche Patent Nr. 257087 auf eine Nadel erhalten hat, die
besondere geräuschdämpfende Eigenschaften besitzt und
die einen weiteren bemerkenswerten Fortschritt in der Nadeltechnik
bedeutet. Mit Beginn des Herbstgeschäftes wird die Firma
Reingruber mit der Nadel herauskommen"
(Abb aus Phonographische Zeitschrift, XIV 14, 03.03.1913, S.353).
Wilhelm Gemmecker aus Frankfurt
am Main, Speyerstr.15, beanspruchte Schutz für eine doppelseitig
bespielbare Grammophonnadel und beschrieb diese wie folgt: Die
bisher bekannten Grammophonnadeln waren nur auf der einen Seite
spielbar, so dass nach der Abnutzung die Nadel fortgeworfen werden
musste. Die neue Nadel kann
aber doppelseitig benutzt werden und verringern sich dadurch die
Anschaffungskosten für Nadeln um die Hälfte" (Nr.
543956, erteilt am 17.02.1913). Die Firma Siemens
& Reumont, vormals Wilh.
Vorhagen & Cie, Nachf. aus Aachen, beanspruchte
am fast zeitgleich Schutz für eine Sprechmaschinennadel,
dadurch gekennzeichnet, daß dieselbe mit einer keulenartigen
Verstärkungversehen ist, von der sie zunächst und ganz
allmählich in den zylindrischen Schaft und erst dann in die
Spitze übergeht" (Nr. 542562, angemeldet 22.01.1913).
(Abb. aus Die Sprechmaschine, IX 11, 15.03.1913, S. 232).

Diese beiden Anmeldungen wurden vermutlich ebenso wenig umgesetzt,
wie das Gebrauchsmuster der Firma W. Baukloh
aus Iserlohn für eine Sprechmaschinennadel mit vom
Schaft abgesetzter Spitze, dadurch gekennzeichnet, daß die
Achsen von Schaft und Spitze zueinander versetzt sind (Nr. 551828,
angemeldet 15.04.1913). In der Phonographischen Zeitschrift wird
ergänzend vermerkt: Der Übergang von dem Schaft
zur Spitze kann beliebig sein" (Phonographische Zeitschrift,
XIV 26, 26.06.1913, S. 573] (Abb. aus die Sprechmaschine, IX 11,
17.05.1913, S. 348).
Das einzige etwas anspruchsvolle
Gebrauchsmuster des Jahres 1913 wurde von einem Max
Seidel per Adresse Berlin-Charlottenburg, Schillerstr.
115 angemeldet. Sein Plattenstift ist dadurch gekennzeichnet,
dass ein aus härtestem Stoff gefertigtes, durch zwei konische
Achsen in den Lagern einer Gabel drehbares kleines Rädchen
die Uebertragungzwischen Membran und Platte vollbringt".
Als zweite Version bietet einen Plattenstift an, bei dem das
Rädchen in genauester Ausführung an der Peripheriescharf
zugeschliffen ist und mit dieser in der Rinne der Platte läuft"
(Nr. 546990 vom 10.03.1913) (Abb. aus Phonographische Zeitschrift,
VIV 21, 22.05.1913, S. 453).

Diese Erfindung des Max Seidel
war zum Scheitern verurteilt, weil Grammophonnadeln eine zum einmaligen
Gebrauch bestimmte Massenware sind, die durch feinmechanische
Raffinessen in der Fabrikation und damit im Endpreis viel zu teuer
würden. Im Vergleich dazu wäre das Gebrauchsmuster von
Josef Straller aus Nürnberg,
Praterstr. 5, schon eher zur praktischen Umsetzung geeignet gewesen,
auch wenn seine Beschreibung einer einfachen Idee recht umständlich
ist: Seine Nadel besteht im wesentlichen aus zwei miteinander
fest verbundenen Teilen, und zwar aus einem verhältnismäßig
dünnen Stahlstift a, der nur eine dem Spitzenteil der Nadel
entsprechende Stärke besitzt und mit Rücksicht darauf,
dass er auf seiner ganzen Länge glatt verläuft, in gleicher
Weise, wie Nähnadeln und dergl. am vorderen Ende durch Einschleifen
in einfacher Weise mit einer schlanken Spitze b versehen werden
kann. Auf das rückwärtige Ende dieses Stahlstiftes ist
durch Giessen der Ringmantel aufgebracht, welcher entweder zylindrische
Gestalt besitzt oder zur Verstärkung des Tones an seinem
vorderen Ende mit einer beliebig gestalteten Verstärkung
versehen sein kann" (Nr. 563445 vom 08.1.1913) (Abb. Phonographische
Zeitschrift VIV 37, 11.09.1913, S. 880).
Der Markt der Herstellerfirmen hatte sich stabilisiert, einige
kleine Klitschen" hatten den Konkurrenzkampf nicht
überlebt, aber dennoch gab es neben den marktbeherrschenden
Firmen in Franken, dem Bergischen und am Niederrhein weiterhin
Nischen für Familienbetriebe, so die Neuß-Nadelcompagnie
GmbH, Aachen. Hier nun einige Nadeln und Markenzeichen, die 1913
auf den Markt kamen und besonders beworben wurden:

Die Herold-Werke (aus der
Nürnberg-Schwabacher-Nadelfabrik
GmbH wurde durch Zusammenlegung mit der Nadlerwaarenfabrik
Nürnberg Norica-Werk H. J. Wenglein,
Nürnberg zum Jahresende H. J. Wengleins
Norica- und Heroldwerke, Nürnberg Schwabacher Nadelfabriken
GmbH) boten zum Jahresbeginn die bereits in Folge 25
erwähnte Nürnberger Burg"-Dose aus Anlass
der Leipziger Frühjahrsmesse auch in englischer Beschriftung
als Nuremberg Castle box" für den Export an. (Abb.
aus Phonographische Zeitschrift, XIV, 22, 29.05.1913, S. 474).
Diese Doppeldose für 200 Nadeln hatte innen einen aufklappbaren
Klodeckel", durch dessen Brillenloch gebrauchte Nadeln
entsorgt werden konnten. Diese Dose war über längere
Zeit im Sortiment und es gibt verschiedene Varianten, mit und
ohne Innnenfach, für Normalspieler und
für Starkton-Nadeln und vermutlich in verschiedenen Sprachen.

Die Gebrüder Graumann welche früher Klingsor" hergestellt hatten, führten weiter ihre Traditionsmarke Union". Die Marke Schallton" wurde zwar zum Schütze eingetragen, ist aber vermutlich nicht realisiert worden (Nr. 183360, Warenzeichenblatt, 11.1913, S. 2819). Für die Sundwiger Nadelfabrik Paul Graumann wurde die Marke Klarton" geschützt. Beide Hersteller wurden schon in früheren Folgen Von Nadeln und Dosen" abgehandelt. Die Firma Wunderlich und Baukloh GmbH, Iserlohn, produzierte neben der bewährten Pegasus" auch die Violin-Nadel", welche in Dreiecksdosen abgepackt wurde. Diese Dosen gab es in verschiedenen Sprachen und Farben. (Abb. Realisierte Entwürfe der ,,Violin"-Nadel).

Zum Jahresbeginn 1913 propagierten Wunderlich und Baukloh eine neue Verpackung für diese Violin"-Nadeln. Jeweils 6 wurden zu einem sechseckigen Gebinde in einem besonderen Karton zusammengefügt. (Abb. aus Die Sprechmaschine IX, 29, 19.07.1913, S.463). Eine andere sehr attraktive Dose dieser Firma war Mein Ideal".

Der Aachener Betrieb Brause
& Co GmbH führte als Spezialmarken Storch-Nadeln", Glockenton-Nadeln" und Anker-Nadeln", letztere mit einem
in den Nadelschaft eingestanzten Anker. (Abb. Phonographische
Zeitschrift, XIV 8, 20.09.1913; S. 33, 14.08.1913 S.49, 04.12.1913).

Für den Export nach Japan hatte die Firma Motive japanischer
Persönlichkeiten: Der Taish-Kaiser Yoshito war im Jahr zuvor
zum Tenno gekrönt worden. Er war Nachfolger des Kaisers Mutsohito.
(Abb. aus Phonographische Zeitschrift XIV 22, 29.05.1913, S..490).

Schwanemeyer ließ als
Wort- und Bildzeichen die Marke Crescent"
schützen. Die Traditionsfirma Traumüller
& Raum, die bisher vor allem für Marschall-Nadeln" bekannt war,
warb für die neuen Aegir"-Nadeln.
Das Wortzeichen Koganor"
wurde im April für Sprechmaschinennadeln geschützt,
aber dies ist vielleicht eine Phantommarke, denn keine Dose unter
diesem Namen ist bisher bekannt (Nr. 173745, Warenzeichenblatt,
4.1913, S .855).

Das bereits in Folge 25 erwähnte Wort- und Bildzeichen für die musizierenden Hunde" wird abgewandelt, zum Schütze eingetragen und in attraktiven Motivdosen in den Handel gebracht (Abb.: Realisierte Entwürfe der Musizierende Hunde"-Dose).
Über viele (Jahrzehnte, bis
in die Zeit nach dem 2.Weltkriege, sollte ein neues Bildzeichen
Bestand haben, welches das Motiv der Stimme seines Herrn"
so abwandelte, dass es gerichtsfest war" - Dog & Baby", eingetragen
unter Nr. 181749 im Warenzeichenblatt 10.1913 auf Seite 2516.
Das Bildzeichen warso einprägsam, dass es noch nach dem zweiten
Weltkrieg in Japan für Raubkopien" verwendet wurde,
wodurch wieder der deutsche Hersteller veranlasst wurde, durch
Banderolen und in die Dosen eingepresste Parlone mitzuteilen:
The Only Genuine ,Dog & Baby'.
Beware of Substitutes. Look for the Words MADE IN GERMANY!"
Die Gebrüder Queck in
Würselen meldeten die Bezeichnung Oecher
Penn" für Sprechmaschinennadeln an, aber
vermutlich wurden unter diesem Namen nur Nähnadeln vertrieben.
Max Grieb
aus Berlin versuchte seit Februar sein Glück mit der heute
außerordentlich seltenen Durana"-Nadel.
(Abb. aus Warenzeichenblatt, 1.1913, S. 41).
Im August 1913, rechtzeitig zur
Herbstmesse, suchte die Berliner Nadel
Industrie Hans Wessler, Berlin S., Dresdener Str 34-35,
Vertreter in allen Provinzen und Staaten" für
seine Panzer-Nadeln",
die in verschiedenen Ausführungen lieferbar waren. Die Fachpresse
berichtet in einer Lobhudelei, wohl als Gegenleistung für
ein Inserat: Die Panzer-Starkton-Kugelnadel,
D.R.G.M., ist das Neueste auf dem Gebiete der Nadelindustrie.
Wir haben es hier mit einer Nadel zu tun, die kurz vor der Spitze
sich zu einer Kugelform verdickt. Der Ton, den diese Nadel erzeugt,
ist rein und voll und von einer eigenartig schönen Fülle.
Dazu kommt, daß der Ton außerordentlich laut ist.
Die Nadel hat ein sehr gutes Aussehen. Spitze wie Politur und
besonders die Qualität des Stahles sind ausgezeichnet, was
umsomehr verwunderlich ist, als der Preis ein verhältnismäßig
billiger ist" (Die Sprechmaschine, IX 37, 13.09.1913, S.
610).

(Abb. aus die Sprechmaschine IX
31, 02.08.1913, S. 495). Wessier
hatte vermutlich zuvor das Geschäft des Max
Grieb übernommen, denn dieser hatte noch im Februar
1913 unter derselben Adresse ein Bildzeichen für Panzer"-Sprechmaschinennadeln
schützen lassen. 1920 wurde die Marke durch Dr.
Edmund Ebert in Berlin wiederbelebt.

Leonhard Schmauser aus
Schwabach begann seine Nadelproduktion in diesem Jahr mit Walzertraum"-Nadeln.
Das Zugpferd für SNFR
(die Schwabacher Nadel- und Federfabrik Fr. Reingruber) waren
stets die Burchard-Salon"-Nadeln,
welche in vier Typen angeboten wurden: gelb = extra zart; blau
= leise; rot = laut; schwarz = starkton. Das Wortzeichen Samudphone" wurde im August durch
das Warenzeichenblatt als geschützt eingetragen (Nr. 198128,
Warenzeichenblatt 8.1914, S. 2415). Ein Dauerbrenner sollten die
Dosen Fürsten-Zukunft-Nadeln" werden, 1913 noch
mit dem Motiv des Nürnberger Doppeladlers auf Vor- und Rückseite
der Dose mit dem Standard-Rankenmuster. (Abb. aus WZB, 9.1913,
8.2290). Diese Dosen waren im Lieferprogramm der auf Nadeldosen
spezialisierten Firma Jakubowski, welche im Herbst 1913 an eine
neue Adresse verzog: Chemnitz, Eulitzstr. 22.
SNFR
hatte sich auf die Leipziger Herbstmesse besonders gut vorbereitet.
Die Sprechmaschine berichtet: Die Fabrik hat zur Messe zum
erstenmal kleine Schränke zum Aufbewahren von Nadeldosen
herausgebracht. Damit ist einem großen Mangel abgeholfen,
insofern nämlich, als es dem Händler mit Leichtigkeit
möglich ist, die gewünschte Nadeldose sofort aus dem
für sie bestimmten Felde zu ziehen. Die Anordnung, für
die das deutsche Reichspatent angemeldet ist, ist außerordentlich
einfach und sinnreich. Es kommt hinzu, daß die Schränkchen
sich sehr vornehm repräsentieren und so gleichzeitig einen
Schmuck des Ladens bedeuten" (Die Sprechmaschine, IX, 37,
13.09.1913, S. 610, Abb. aus die Sprechmaschine IX 48, 29.11.1913,
S. 787).
Auf der Leipziger Herbstmesse stachen SNFR die Konkurrenten durch
eine graphisch besonders aufwendige Serie von 5 Mehrfachdosen
aus: den Jubiläumsnadeln 1813/1913 mit Bildern aus den Freiheitskriegen".
(Abb. rechts: Jubiläums-Dose 1813/1913 Königin
Luise von Preussen auf der Flucht nach Memel").



Sie konkurrierten in ihrer aufwändigen
mehrfarbigen Gestaltung mit den ebenfalls unter Sammlern heute
hochbegehrten Verona-Nadeln" des Friedrich Graumann.
Diese gab es im Querformat sowie im Normalformat. (Abb. oben:
Der verwirklichte Entwurf der ,,Verona"-Querformatdose).

Schwarz-weißee Abbildungen werden diesen schönen Dosen nicht annähernd gerecht. Dies gilt freilich auch für die kleineren Dosen der Firma Traumüller und Raum, auf denen Motive aus dem Bereich der Oper für den Export nach Russland Verwendung fanden. Zumindest für einige dieser Dosen wurde Gebrauchsmusterschutz angemeldet. Sie zeigen mehrfarbige Portraits von F. J. Szaljapin und von Nadescha Wasiljewa Plewischkaja. Die Serie wurde 1914 mit Schriftsteller-Motiven fortgesetzt. (Abb. aus Warenzeichenblatt, 10.1913, S.2515).