Nadelfabrik Gebrüder Christophery

Bereits um 1760 war Johann Heinrich Christophen (sic) in Menden als Nadlergeselle tätig. Von ihm führt eine ununterbrochene Linie zu den Brüdern Fritz, Carl-Heinrich und Carl Sr., die 1851 gemeinsam im benachbarten märkischen Iserlohn die Nadelfabrik Gebrüder Christophery (sie) gründeten. Diese Firma stellte zunächst Häkel- und Sacknadeln, später auch Nähnadeln her.
Abschnittsweise entsteht am Lünkerhohl (später auf dem Gelände Obere Mühle 7) ein dreistöckiger Fabrikbau. 1883 entstand der Mitteltrakt, ein Maschinenhaus mit Dampfmaschine wird später vor das Werksgebäude gesetzt. Im darüber liegenden Lägertal nutzte man die Wasserkraft in zwei Scheuermühlen zum Polieren der Nadeln aus.
Für die ständig erweiterte Produktionskapazität muss ein aufnahmefähiger Markt erschlossen werden. In Hamburg, wo die großen Überseehäuser residieren, legt man Henricus Christophery Muster von Aachener Nadeln vor, die die Christophery-Produkte an Güte weit übertreffen. Tatsächlich waren die Nadeln aus Iserlohn billiger als die aus Aachen, aus französischen oder englischen Nadelfabriken. Zwei Drittel aller in Deutschland für den europäischen Markt gefertigten billigen Nadeln stammten aus Iserlohn - aber sie waren auch schlechter, da sie anfangs nur "zementiert" waren; erst ab 1800 gab es in Iserlohn auch Nadeln aus Stahl.
Neben den Söhnen von Carl Sr. - dem bereits erwähnten Henricus sowie Carl Jr. - waren auch Friedrich (Sohn von Fritz) und Casp. Diedr. Heinrich (Sohn von Carl-Heinrich) in der Firma tätig. Der Kaufmann war Henricus, und dieser nimmt die Herausforderungder Konkurrenz an. Er verwendet allerbesten Stahldraht, verspricht den besten Meistern Iserlohns doppeltes Entgelt für sorgfältigste Arbeit und verbessert außerdem die Behandlung der Nadeln. Das Ergebnis ist eine Nadel von ausgezeichneter Qualität, die außerdem noch billiger als die Aachener offeriert werden kann. Die Probelieferungen finden vollen Beifall in Hamburg und auch in China, wo der Endabnehmer für die Hamburger Exportfirma sitzt: Carlowitz & Co, Shanghai, der vielleicht größte Nadel Importeur des chinesischen Kaiserreiches. Um 1887 hat die Firma Christophery bereits den größten Nadelexport nach China.
Eines Tages, als Heinrich Christophery gerade auf Geschäftsreise ist, erscheint - früher als erwartet - der Chef des Shanghaier Unternehmens Carlowitz & Co bei Christophery und bittet um Zusicherung, dass die Firma auch künftig in großem Umfang mit ihm arbeiten wolle. Da die beiden Kompagnons keine Entscheidung ohne Henricus fällen wollen, versuchen sie, den Herrn Ross hinzuhalten, bis dieser verärgert abreist. In der Iserlohner Konkurrenzfirma Schwanemeyer wird Ross mit offenen Armen empfangen, und das Carlowitz-Geschäft geht für die Gebrüder Christophery verloren.
Die Gebr. Christophery finden in der ebenfalls in Shanghai ansässigen Firma Slevogt & Co einen neuen China-Importeur. Aber schon bei der ersten Lieferung treten Verzögerungen auf, so dass man den vorgesehenen Dampfer verpasst. Um bei der zweiten Lieferung nicht erneut in Verzug zu kommen, wird auf Kosten der Qualität schnell gearbeitet. Dies führt zur Zurückweisung der ganzen Sendung durch Slevogt und Annullierung des Auftrages. Damit steht die Nadelfabrik Gebr. Christophery wieder vor dem Nichts.
In dieser Zeit gerät die gesamte deutsche Nadelindustrie durch Überproduktionen in immer größere Schwierigkeiten. Um ein weiteres Fallen der Marktpreise zu verhindern, werden in kurzer Folge mehrere Preiskonventionen und Nadel-Syndikate gebildet (1888, 1895,1908), die aber angesichts des heftigen Kampfes um Marktanteile nie lange gelten. Praktisch alle Nadelfabriken werden gezwungen, sich nach einem "Zweiten Bein" umzusehen und die Produktion zu diversifizieren. Die Gebrüder Christophery bauen um 1895 eine Metallwarenfabrik auf, die 1905 aus Platzgründen nach Wiemeringhausen (heute Olsberg) im oberen Ruhrtal verlegt wird.
Die in Iserlohn verbleibende Nadelfabrik nimmt vermutlich um diese Zeit die Produktion von Grammophonnadeln auf! Die Ware wird unter der Bezeichnung "Schwalben-Nadeln" vertrieben.
Casp. Diedr. Heinrich Christophery war schon um 1900 aus der Firma ausgetreten. Sein als Nadelmeister in der Firma tätiger Sohn starb 1901, er selbst ein Jahr später. Um vorauszusehenden Schwierigkeiten in der nachfolgenden Generation aus dem Wege zu gehen, setzten sich 1908 auch die Brüder Carl Jr. und Henricus auseinander. Carl Christophery übernahm die Stiftefabrikation und nannte seine Firma nunmehr Nadel- und Drahtwarenfabrik Carl Christophery. Diese Firma bestand bis etwa 1923.
Hnricus übernimmt die Metallwarenfabrikation, während die Fertigung der kleineren Nadeln, einschließlich der Schwalben-Grammophonnadeln, unter der Firma Gebr. Christophery GmbH vorerst gemeinsam mit dem Bruder Carl weitergeführt wird. Die Firma muss weiter ums Überleben kämpfen in einer Zeit, die nach wie vor für die gesamte Nadelindustrie schwierig ist. Nach Jahrzehnten der Kapazitätsausweitung ist der Markt, der darüber hinaus auch von anderer Seite erschlossen wird, nicht mehr erweiterungsfähig. Der durch niedrige Lohnkosten mögliche Produktionskostenvorteil wird durch die moderne Sozialgesetzgebung (insbesondere Verbot der Frauen- und Kinderarbeit) aufgehoben.
Als die Iserlohner Nadelfabrik Borgartz und Rollmann 100 Bohainsche Patentmaschinen kauft, auf denen alle Arbeitsgänge vom Draht bis zur ungehärteten Nähnadel durchgeführt werden können, muss sie sich nach einem größeren Kundenvolumen umsehen. Die für ihn günstige Situation erfasst Henricus und bietet zusammen mit seinem Bruder dieser Firma die gesamte Produktion der Gebr. Christophery GmbH einschließlich des Warenlagers und sämtlicher (getragener Markenzeichen zu günstigen Bedingungen an. So findet 1912 die Liquidation der Firma Gebr. Christophery GmbH statt, die somit 61 Jahre lang im Besitz der Familie Christophery war. Nach nur etwa 7 bis 10 Jahren Produktion wird die Marke Schwalben-Nadeln endgültig aus dem Handel genommen (1925 wird die Firma Borgartz und Rollmann - und mit ihr die frühere Firma Gebr. Christophery GmbH - von den Rheinischen Nadelfabriken GmbH Aachen übernommen).
Henricus Christophery selbst gibt 1912 als Unternehmer keineswegs auf. Mit der von ihm gegründeten und allein geführten Firma Westfälische Metallwarenfabrik Heinrich Christophery beginnt er ein neues Kapitel in der Familiensaga Christophery. Die Metallwarenfabrik wird bis auf den heutigen Tag fortgeführt: Derzeitige Geschäftsführer der Christophery GmbH sind Alfons und Erwin Christophery. Das Fertigungsprogramm umfasst heute technische Teile den Haushaltsbereich, mit Schwergewicht auf Teilen für den Sanitär- und Heizungsarmaturen-Bereich.
Quelle: Von Nadeln und Dosen Folge 7 (Fox auf 78, Heft 5)