Kapitel 1: Dr. Ing h.c. Franz Maria Feldbaus - Das Werk

Carl Lindström AG - Werk Berlin - 30.01.1929 und SYMPHONIE DER TECHNIK - Große Mühlenanlagc mit zahlreichen Staubfiltern - beides Originalradierungen von J.C.Turner

 Man stelle sich vor, es käme ein Mensch auf die Welt und er bliebe, immer älter werdend, genau so wie am ersten Tage. Müßte er nicht zum Untergang in sich selbst verurteilt sein? Auch auf wirtschaftliche Lebewesen müssen die verschiedensten Einflüsse verändernd einwirken, auf daß tatkräftige und leistungsfähige Unternehmen entstehen.
Im Jahre 1897 gründete der in Schweden geborene Mechaniker Carl Lindström eine Werkstatt, die am 30.01.1904 von den Herren Max Straus und Heinrich Zuntz käuflich erworben undin eine G. m.b.H. umgewandelt wurde, aus der die Carl Lindström Aktien-Gesellschaft entstand. Die Carl Lindströrn A.-G. hat bisher folgende Firmen erworben oder zum Teil in sich aufgenommen:

  • Beka-Rekord Aktiengesellschaft
  • Fonotipia Ltd. mit Odeon-Werke, International Talking Machine GmbH
  • Grünbaum & Thomas A.G. mit Lyropnonwerke GmbH, Dacapo-Record GmbH
  • Favorit Record Aktiengesellschaft
  • J. Polak Apparatebau - Aktiengesellschaft
  • Homophon Co.m.b.H. mit „Nigrolitwerke GmbH

Die Carl Lindström-Gesellschaft begann ihre Tätigkeit in der Brückenstraße 13a zu Berlin, wo sich seit dem Jahre 1899 die mechanische Werkstatt von Carl Lindström befand. Sie siedelte im Jahre 1906 in bedeutend größere Räume nach der Großen Frankfurter Straße 137 über. Seit 1919 befindet sich das Lindström-Werk in eigenen Fabrikanlagen Berlin SO 36, Sohlesische Straße 26/27.


Ein bekanntes Dichterwort sagt: „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort." Ha! Ich möchte dieses Zitat verallgemeinern: wie schnell sind wir alle mit irgendeiner Erklärung für die Dinge bei der Hand, obwohl wir tatsächlich herzlich wenig von ihnen wissen. Soll ich die Wahrheit meiner Behauptung hier einmal an der Schallplatte beweisen?
Dreierlei steht bei fast allen Menschen fest, die Schallplatten kaufen und benutzen:

  1. daß die Platten „gegossen" werden, sodann
  2. daß die Gußmasse aus Hartgummi besteht, und endlich
  3. daß die Etiketten auf die Platte „aufgeklebt" werden.

Es gibt also gar nichts Einfacheres - so glaubt man - als eine solche „Plattengießerei". Ein Trog, ein

1929: die Lindströmwerke, Berlin (Fliegeraufnahme, die Abbildung gibt gleichzeitig einen Eindruck von den Größenverhältnissen der Fabbrikgebäude zu den Wohnhäusern

Carl Lindström aus dessen Werkstatt die Carl Lindström AG hervorging

Schöpflöffel und eine Gußform: schon sei alles für die Fabrikation beisammen. In Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders. Die Fabrikation der Schallplatten ist, wie wir noch sehen werden, äußerst kompliziert. Nur ein Unternehmen, das über langjährige Erfahrungen, über erhebliche wissenschaftliche Kenntnisse, über großzügige Werkanlagen und über eine gewaltige Absatzorganisation verfügt, kann eine künstlerisch und technisch vollwertige Schallplatte herstellen und wohlfeil in den Handel bringen.


Die Berliner Fabrik der Carl Lindström A.-G. liegt in der Schlesischen Straße dicht an der Spree. Hier hatte einer der bekanntesten Großindustriellen von Berlin, Julius Heckmann, vor langen Jahren sein berühmtes Messingwerk angelegt. Hier hatte er sich auch ein vornehmes Wohnhaus erbaut. Eine ganze Reihe berühmter Leute der Kunst und Wissenschaft ging dort ehemals ein und aus. Die Villa von Heckmann stellt heute, durch einen Ausbau wesentlich erweitert, das Verwaltungsgebäude der Carl Lindström A.-G. dar. Eine breite Marmortreppe mit einem fcingegliederten Eisengitter führt in die oberen Räume. Das Palmenhaus von Heckmann ist heute der Mustersaal. Skulpturen im Treppenhaus und über den Türen, ein Fries und Außenverzierungen des Sitzungssaales sind von so hohem künstlerischen Wert, daß sie dem Kunstschutz der Stadt Berlin zur dauernden Erhaltung unterstellt wurden.

Neben kleinen Resten der Fabrik von Heckmann erheben sich gewaltige neue Fabrikbauten, die mit allen modernen Einrichtungen versehen sind. Neben diesen Bauten steigt ein jüngst erst vollendeter Schornstein von beinahe 100 Meter Höhe empor. Er ist einer der höchsten Schornsteine Deutschlands. In dieser Fabrik sind jetzt tausende Arbeiter und Angestellte tätig. Unternehmen wir nun einen

Rundgang durch die interessante Spezialfabrik Deutschlands, eine der bedeutendsten der ganzen Welt. Die Zahl der hydraulischen Pressen, auf denen die Schallplatten - wir sprechen davon noch - gepreßt werden, die Zahl der Walzwerke, auf denen das Plattenmaterial vorbereitet wird, die Zahl der Schleifmaschinen für die Plattenränder und die Zahl der vielarrnigen Werkzeugmaschinen, die alle Einzelteile zur Mechanik und zum. Gehäuse der Musikapparate anfertigen, geht in die vielen Hunderte.

Zurzeit werden allein in dieser Fabrik etwa 100000 Schallplatten täglich hergestellt. Würde man diese Platten aufeinanderlegen, so käme täglich eine Säule von etwa 200 m Höhe zustande, eine Säule, die alle Kirchen Deutschlands, selbst den Kölner Dom und das Freiburger Münster, um ein gutesStück überragen würde. Das gewaltige Ausmaß dieser Zahlenangaben wird noch deutlicher, wenn ich verrate, daß die Fabrik wöchentlich über eine halbe Tagesproduktion als Ausschuß wieder vernichtet, weil so viel Platten den hohen Anforderungen nicht genügen, die bei der Kontrolle gestellt werden müssen.

Die Arbeit einer Schallplatten-Firma umfaßt drei Hauptgebiete: Aufnahme der Tonstücke, Herstellung der Platten und Herstellung der Wiedergabcapparate.
Eine ganze Anzahl von Aufnahmeräurnen in verschiedenen Größen - jeder einzelne hat seine besondere Bestimmung - steht den Künstlern zur Verfügung. Dazu kommt noch ein Neubau von machtigem Umfang: er enthalt den Aufnahmekonzertsaal. Das Gebäude mit seinen hohen architektonischen und


Das Wahrzeichen - einer der höchsten Schornsteine Deutschlands
vor dem Kesselhaus der Carl-Lindström AG


Eine Stätte wichtiger Entscheidungen: das Konferenzzimmer

Einblick in den Hauptsaal der Buchhalterei
akustischen Eigenschaften wird in diesem Buche noch speziell und eingehend gewürdigt. Auch dem flüchtigen Beschauer fallen hier zwei Dinge auf: an der Rückwand eine gewaltige Orgel, die größte, die für solche Spezialzwecke bisher gebaut wurde, und eigenartige langarmige Gestelle für die Aufnahme der Töne. Entfernt von den Aufnahraeräumen graviert eine feine Nadel die Tonkurven in eine dicke Platte, die aus einer Wachsmischung besteht. Von den technischen Einrichtungen, die zur Aufnahme notwendig sind, hängt es ab, ob alle Töne vom Solisten bis zu der gewaltigen Orgel des großen Aufnahmesaales klangecht auf die Wachsplatte kommen.

Der Werdegang der Schallplatte von unbespieltem Aufnahmewachs (links), Preßmatrize (Mitte) und bespieltem Aufnahmewachs (rechts)

Selbstverständlich liegen in diesen technischen Einrichtungen große und kostbare Fabrikgeheimnisse. Deshalb kein Wort mehr darüber: mit Hamlet sag auch ich: „Der (sehr bedeutsame!) Rest ist Schweigen!" Aber einiges kann ich doch noch über den musikalischen Teil der Aufnahme verraten! Es ist wichtig, daß die Töne der Instrumente vom Musiker auf möglichst gradem und kurzem Wege in das Aufnahmemikrophon gelangen.

Die meisten Leute sind der irrigen Ansicht, daß der durchdringende Schall einer hochgestimmten Pfeife viel weittragender sei als der Ton eines tiefen Baßinstrumentcs, Das Gegenteil ist der Fall. Entscheidend ist in der Hauptsache die Anzahl der Schwingungen, die der einzelne Ton eines Instrumentes macht Die Pikkoloflöte gibt beispielsweise 8 bis 10mal so viele Schwingungen wie die Baßtuba. Infolgedessen ist die Reibung in der Luft bei dem höheren Ton bedeutend größer. Die Tragweite des Tones im Raum ist demgemäß kleiner.

Daraus ergibt sich praktisch, daß bei einer Orehesteraufnahme die Pikkoloflöte näher am Mikrophon sitzen muß als die Baßtuba. Mit Streichinstrumenten verhält es sich ähnlich. Mit Vorsicht muß auch die Stimme des Solisten zum Begleitorchcstcr abgestimmt werden. Dies geschieht in besonderen Hörproben. In einer sorgfältigen Verpackung geht die fertige Wachsplatte vom Aufnahmeraum zur Fabrik. Man könnte die Wachsplatte direkt in einen Musikapparat einsetzen, aber ihre Tonkurven würden mit der Zeit von der Nadel sehr erheblich angegriffen werden. Deshalb bleibt die Wachsplatte vollkommen unberührt. Ihre Oberfläche wird so präpariert, daß sie den elektrischen Strom leitet. Hängt man die Platte jetzt in ein galvanoplastisches Bad und bringt ihr gegenüber an den anderen Pol des Bades eine Kupferplatte, dann schlägt sich Kupfer auf der Wachsplatte nieder. Man schickt den Strom so lange durch das Bad, bis der Kupferniederschlag auf der Platte hinreichende Stärke erreicht hat.

Diese Kupferplatte, das Negativ, wird auf gleiche Art in einem galvanoplastischen Bad kopiert. Was auf der Wachsplatte tief war, ist auf dem Negativ hoch; was auf dem Negativ hoch ist, wird im zweiten Bad haargenau so tief wie auf der Wachsplatte. Wir haben jetzt also ein Metallpositiv, das man auch als Platte in eine Sprechmaschine legen konnte. Aber es gilt ja, die kostbaren Originale zu schonen und in einem Archiv von gewaltigen Ausmaßen auf lange Zeit für die Fabrikation unverändert aufzubewahren. Deshalb wird von dem Metallpositiv - wiederum galvanoplastisch - die sogenannte Preßmatrize


links: das wichtigste Rohprodukt der Schallplatte: Blätterschellack, ein aus Britisch-Indien importieres Harz; rechts: die gemahlene Masse

hergestellt. Solange diese nicht verletzt wird, kann sie zum Pressen von Sehallplatten benutzt werden.

Den Pressen - die der Lindström A.-G. haben ganz besondere Konstruktion - wird das schwarze Material in Form einer erwärmten Masse zugeführt. Die Zusammensetzung und Verarbeitung dieser Masse ist äußerst kompliziert. Wenn ich etwas davon erzählen darf, ohne Fabrikgcheimnisse auszuplaudern, dann sei verraten, daß die Masse ständig chemisch und mikroskopisch kontrolliert wird. In einer neuartigen Mühlenanlage von riesiger Ausdehnung werden die verschiedenen Bestandteile der Plattenmasse auf das allerfeinste gemahlen.


links: Rohmaterial in Tafeln; rechts: aus den Tafeln geformtes Rohmaterial


Eine große Walze (im Bau): das pulverisierte Rohmaterial wird zwischen
erhitzten Walzen verarbeitet. Die großen Zahnräder sind so
hoch wie zwei übereinander stehende Menschen.
Das fertige Mahlgut wird dann von einem Windstrom erfaßt. Jedes winzige Stauhöhen fliegt in dem Wind eine bestimmte Strecke weit und fällt nun in einen Triehter. Da mehrere Trichter hintereinander aufgestellt sind, so sichtet der Wind das Preß-Material zu der gewünschten feinsten Feinheit.
Nach dieser Wind-Sichtung gelangt das Material über verschiedene Zwischenstufen in besonders schwer gebaute Walzwerke, wo es zu einem breiten Strcifen von schier unendlicher Länge ausgewalzt wird. Dieser Streifen wird in kleinere viereckige Stücke zerbrochen, die später zu genügender Elastizität vorgewärmt und so weiter verarbeitet werden.
Ehe der Arbeiter die richtige Menge der Masse der Presse einverleibt, legt er in das Oberteil und das Unterteil der beiden Preßmatrizen an genau bestimmte Stellen je ein Etikett, so daß diese beiden Etiketten sich unlösbar fest mit der entstehenden Platte verbinden. Nach solcher Vorbereitung wird nun die ganze Form bei einem ungeheuer starken atmosphärischen Druck unter die hydraulische Presse gebracht. Nach dem Erkalten wird die Form geöffnet und die fertige Platte herausgehoben. Sie kommt jetzt zur Schleiferei. Dort wird der Rand auf besonderen Maschinen geschliffen, und dann wird sie blank poliert. Nun unterliegt sie einer mehrfachen, überaus sorgfältigen Kontrolle, und ist sie dabei als einwandfrei befunden worden, so kommt sie in die bekannte Papicrhülle. Jede 25. Platte wird in


Die Pressmatritze wird gereinigt

 
Das Ettikett wird aufgesteckt


Die Schallplatte wird aus der Form gehoben

besonderen Räumen auf einem Musikapparat durchgespielt. Sobald man hier den kleinsten Fehler hört, kommt die 23., 22., .21. Platte usw. auf den Kontrollapparat; mit anderen Worten: man fängt auch den kleinsten Fehler dort ab, wo er auftritt. Der Mann an der Presse aber wird von dem Fehler sofort benachrichtigt, als dann eine neue Preßmatrize eingesetzt. Der verhältnismäßig große Ausschuß liegt also nicht etwa an einer Unsicherheit der Fabrikationsmethode, sondern erklärt sich aus dem Bestreben, nur vollkommen einwandfreie Platten zum Versand zu bringen.

Die dritte große Abteilung der Lindström-Werke stellt die Musikapparate her und zwar sowohl die Metallteile als auch die Holzgehäuse. Der interessanteste Teil dieses Fabrikationszweigcs ist die Anfertigung der Laufwerke. Es gehört eine lange Erfahrung und ein fester Stamm von Spezialingenieuren und -arbeitern zur Massenerzeugung wirklich einwandfreier und geräuschlos funktionierender Laufwerke. Mächtige Stanzen, automatisch arbeitende Drehbänke und Bohrmaschinen und soundsoviele andere Werkzeugmaschinen sind nötig, um in feinster Präzisionsarbeit die Einzelteile zu liefern, deren man bedarf. Und es wird keine Sehraube, kein noch so winziger Teil des Gestelles oder des Bewegungsmechanismus hergestellt, ohne daß die Ergebnisse langjähriger Praxis einer ununterbrochenen Nachprüfung unterzogen würden, bei der mechanische und akustische Fragen nicht minder sorgsam erörtert werden als ökonomische. Naturgemäß ergeben sich dabei oft ganz neue Wege. Selbstverständlich ist die Fabrikation der Platten sowie der Apparate von vielen Faktoren abhängig, die außerhalb der Reichweite der Fabrik selbst liegen. Der im Stil strenge Schrankapparat, den der Großstädter kauft, gefällt nicht dem Käufer in der Provinz, und er ist nicht geeignet für den Bauern in Rumänien. Der Schlager, nach dem man

in Berlin tanzt, wird plötzlich in ungeheuren Massen auf Platten verlangt, aber schon im zweiten Monat sinkt die Nachfrage gewaltig und im dritten Monat ist schon wieder etwas Neues da. Dann dauert es einige Zeit, bis die Nachfrage nach dem in der Großstadt schon fast vergessenen Schlager in der Provinz einsetzt, und noch viel später wird die vorher hei uns gesuchte Platte in fernen Landen begehrt.

Man möchte glauben, daß manche Aufnahmen, z. B. die Ouvertüren der weltbekannten Opern, immer und ewig von den einmal hergestellten Matrizen wieder und wieder vervielfältigt werden können. Doch ist das nicht der Fall, weil sich die Aufnahmetechnik fortwährend verbessert. Aus einem Orchesterstück oder einem Chorwerk werden für die Schallplattenwiedergabe heute ganz andere Wirkungen herausgeholt als beispielsweise vor fünf Jahren. Damals war das elektrische Aufnahmeverfahren noch so gut wie unbekannt. Dazu kommt, daß die rasch wechselnde Publikumsgunst bald diesen, bald jenen Solisten oder Dirigenten bevorzugt.


links: Schallplatte aus der Form mit Pressrand, Mitte: das Schleifen der Ränder, rechts: die fertige Schallplatte


Gedenkmünze vom Jahre 1869 für das Haus Schlesische Straße 26, das jetzt dem städtischen Kunstschutz untersteht

  
Das Verwaltungsgebäude der Firma
 Eine eigene Druckerei mit 6 Schnellpressen, Stereotypie und Buchbinderei stellt unzählige Drucksachen her, durch welche die Kundschaft ständig über die Neuerscheinungen des Plattenrepertoires unterrichtet wird. Die Auflagen der Kataloge und der monatlichen Nachträge gehen in die Hunderttausende.
Das Interessanteste in der Druckerei ist eine Reihe von automatisch arbeitenden Etikettendruckmaschinen. Jede von ihnen liefert stündlich mehrere tausend bedruckte, vergoldete und rund ausgestanzte Etiketten, die in die Platten eingepreßt werden.
Wer einmal die Geschichte der Musik unserer Tage schreibt, der darf gewiß nicht an dem Etikettenlager von Lindström achtlos vorübergehen. In vielen tausenden winziger Schicbfächer liegen Abermillionen von verschiedenen Aufschriften, die von der Tierstimme bis zum Parsifalorchcster, vom schlichten Kinderlied bis zum Kriegsgesang der Wilden führen. Alle Schriftzeichen und Sprachen der Welt sind hier vertreten, und die Versandbücher geben einen reizvollen und oft erstaunlichen Aufschluß darüber, was die Welt an Sprache und Musik hören und was eine technisch hoch entwickelte, erfindungsreiche Industrie von all diesen flüchtigen Tönen festhalten konnte.
Eine besondere Reklameabteilung unterrichtet die Öffentlichkeit über neue Geschehnisse in den Lindströmfabriken. Die Arbeit dieser Abteilung ist deshalb recht schwierig, weil die Reklame sich auf die Eigenart der einzelnen Repertoires und Länder einstellen muß. Jede Veröffentlichung erfordert infolgedessen eine sorgsame Redaktion. Die Plakate für Händler, die auszustellenden Porträts der Künstler oder die neuesten Schaufensterdekorationen für Schallplatten müssen von Fall zu Fall anders gestaltet werden. Die Veranstaltung von Plattenkonzerten und die Auswahl der Musikstücke, die im Rundfunk vorgeführt werden, untersteht der besonderen Konzertabteilung.
Die fertigen Platten kommen in Papiertaschen in die Packerei, wo sie zunächst noch einmal sorgsam kontrolliert werden. Der Versand durch die Post und mit der Eisenbahn wird getrennt behandelt. Die in den Papiertaschen liegenden Platten werden staubdicht eingeschlagen und dann mit Holzwolle in Kartons gelegt. Besondere Maschinen stellen diese Kartons mit Nietung her. In der Saison gehen täglich viele tausend Postpakete mit Platten hinaus. Die Bahnkisten nehmen, je nach Größe der Platten, 350 bis 450 Stück in Paketen auf, die durch Klebestreifen sorgsam gegen jeden Staub geschützt sind.
Getrennt von der Platten-Expedition erfolgt der Versand der Apparate: Aufgabe einer besonderenAbteilung, in der sich viele rührige Hände regen. In gewaltigen Säalen werden die Waren der Lindström A.-G. nach aller Herren Länder verpackt und verfrachtet.
Zuletzt kommen wir nun auf unserem Rundgang durch die Fabrik in eine Abteilung, die unser besonderes Interesse erwecken muß, weil sich der Käufer einer Platte von dieser großen Organisation kaum eine Vorstellung machen kann. Es handelt sich um die Lizenz-Abteilung, die in einem großen Saal untergebracht und mit allen technischen Hilfsmitteln - Kartothek und Druck- und Rechenmaschinen - ausgestattet ist, um die Verrechnung und Kontrolle sämtlicher hinausgehender Platten auf die „Lizenz" hin vorzunehmen und die fälligen Beträge an die Empfangsberechtigten nach peinlichst genauer Feststellung abzuführen. Es ist ja bekannt, daß Komponist, Bearbeiter und Textdichter an ihren geistigen Schöpfungen Urheberrechte haben, und daß sie auf der gesetzlichen Basis angemessen honoriert werden müssen. Diese Abrechnung erfolgt nach Maßgabe des Verkaufes jeder einzelnen Platte, so daß eine ungeheure Rechenarbeit erforderlich ist, die auf das sorgsamste durchgeführt wird. Was das bei dem Umsatz von vielen Millionen Platten, die von lausenden verschiedener Urheber stammen, zu bedeuten hat, wird wohl nach diesen Ausführungen auch dem Laien verständlich sein. Eine besondere Kontrollstelle sorgt dafür, daß Fehler in kürzester Zeit automatisch festgestellt werden.
Wir reden so viel von den großen Erfindungen unserer Zeit und wir bewundern und bestaunen sie. Aber der weitaus größte Teil der Menschen steht doch dem Wesen und dem Werden der technischen Dinge und damit auch dem Wesen und dem Zweck einer Großindustrie, die allein in der Lage ist, unter Aufwendung großer Kapitalien irgendein Fabrikat einwandfrei und billig zu schaffen, recht verständnislos gegenüber. Wenn meine kurze Führung durch die Fabrikräume der Lindström A.-G. das Ergebnis hätte, einigen wissensdurstigen Leuten das Wesen der Schallplatte nahegebracht zu haben, dann wäre das für mich ein schöner Lohn. Vielleicht findet sich gar jemand, der, angeregt durch diese Zeilen, den Versuch macht, über die Kulturmission der Schallplatte zu schreiben. Denn wenn solche gewaltigen technischen Leistungen für einen verhältnismäßig kleinen Gegenstand wie eine Schallplatte aufgewendet werden, so kann doch auch der Kulturhistoriker an diesen Dingen ganz gewiß nicht achtlos vorübergehen. Und dem streng wissenschaftlich arbeitenden Kulturhistoriker müßte der Dichter auf den Fersen folgen. Daß schon früh ein empfindsamer Dichter feinsinnig das Geheimnis der Sprechmaschine zu gestalten vermochte, hat Ernst von Wildenbruch bereits im Jahre 1897 bewiesen, als er gebeten wurde, etwas in die Sprechmaschine zu sagen. Er dichtete dazu die Verse, die als Geleitworte am Anfang dieser Festschrift stehen. Ihm galt die Sprcchmaschine als wahrer Photograph der menschlichen Seele. Unter den Heutigen bekennt sich Thomas Mann als leidenschaftlichster Freund der Schallplatte.


die Ehrenurkunde für Direktor Max Straus