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Oskar Tietz - Bruder des Kaufhof-Gründers
Leonhard Tietz - eröffnete 1882 mit 23 Jahren in Gera ein
"Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwarengeschäft".
Das notwendige Kapital hierzu hatte ihm sein Onkel Hermann Tietz zugeschossen.
Ihm zu Ehren firmierte der Neffe Oskar unter "Hermann Tietz",
woraus später das Kürzel HERTIE abgeleitet
wurde. Oskar Tietz führte für ein Einzelhandelsgeschäft
damals völlig neuartige Usancen ein: Feste Preise, keine
Kreditierung sondern Barzahlung, Wareneinkauf unter bewusster
Umgehung des Großhandels direkt beim Fabrikanten.
Bis um die Jahrhundertwende gelangen bereits 15 Filialgründungen
in deutschen Großstädten. Nach dem Tod von Oskar Tietz
(1923) gelang kurz vor der Weltwirtschaftskrise ein weiterer
Expansionsschub: HERTIE erwarb die Firma A. Jandorf in Berlin
mit sechs Warenhäusern, darunter dem bereits seit 1907 bestehenden
"KaDeWe" (Kaufhaus des Westens) in der Tauentziehstraße,
das noch heute das Flagschiff der Hertie-Gruppe ist. 1926 war
Hertie mit 128 Mio. Mark Umsatz der größte Warenhauskonzern
Europas. 1932, beim 50jährigen Firmenjubiläum, beschäftigte
der Konzern in 19 eigenen Filialen und 20 Anschlusshäusern
20000 Beschäftigte.
Bedingt durch Weltwirtschaftskrise, schlechte Konjunktur und
Massenarbeitslosigkeit sanken die Umsätze zwischen 1930
und 1933 jedoch um fast 50%. Die Banken verweigerten, auch aus
politischen Gründen, dem jüdischen Familienunternehmen
die notwendigen Kredite. Im Juni 1933 verlangten die Banken:
Liquidation oder Sanierung. Die Banken bestellten ihre eigenen
Geschäftsführer für die "Hertie - Kaufhaus
- Beteiligungs-GmbH", die jetzt mit 60% an der "Hermann
Tietz und Co." beteiligt war. Im August 1934, nach Einbringung
fast des gesamten Vermögens der Familie in die Firma Hermann
Tietz und Co., mussten die Gebrüder Tietz aus der Firma
ausscheiden.

Die enge Geschäftsverbindung
zwischen dem Kaufhaus Hertie und der Schwabacher Nadelfabrik
wird auch an einer Kuriosität deutlich: einer beidseitig
mit Reklame bedruckten Schallplatte der Londoner Firma Goodson.
Goodson war eine der flexiblen Schallplatten, die Ende
der 20er Jahre auf den Markt kamen (Phonycord, Biberphon, Filmophone,
Durium etc.), hergestellt aus milchig gelbweißem, biegsamem
Rhodoid - Plastikmaterial (einem englischen Patent). Die ersten
Platten erschienen im Herbst 1928, aber schon gegen Jahresende
1931 war die Firma aufgelöst. Goodson benutzte den hellen
Untergrund der Platten, um hierauf in blauer Farbe Reklametexte
über die gesamte Plattenfläche, also auch über
die Rillen zu drucken. Das hier abgebildete Exemplar zeigt anstelle
des Etiketts das Hertie-Firmenlogo, umgeben von Ansichten der
neun Berliner Hertie-Filialen. Die Rückseite trägt
eine Anzeige für Grammophonnadeln der Firma "Drei-S-Werke"
(Fürsten-, Burchard- und Radionette). Wie bereits erwähnt,
kaufte HERTIE direkt bei den Herstellerfirmen und vertrieb die
Produkte z.T. unter dem eigenen Firmennamen. Dies gilt auch für
Hertie-Schallplatten in verschiedenen Größen und für
Hertie- bzw. KaDeWe-Grammophonnadeln. Es ist heute nicht mehr
feststellbar, in welchem Zeitraum die Hertie-Nadeln hergestellt
wurden, da das Firmenarchiv in Frankfurt darüber keinerlei
Unterlagen besitzt. Es kann jedoch vermutet werden, dass die
Nadeln zum Abspielen der Hertie-Schallplatten angeboten wurden
- und diese waren etwa zwischen 1925 und 1930 im Handel.
Einen Hinweis hierauf bieten auch die Plattenhüllen für
Hertie-Schallplatten, die Reklame für Burchard-, Fürsten-
und Hertie-Nadeln tragen. Diese drei Marken sowie die KaDeWe-Nadeln
wurden vom "Drei-S-Werk" in Schwabach hergestellt (Hertie-Schallplatten
entstammten der Artiphon-Fabrik des Hermann Eisner). Während die Firma Hertie
ihren Hauptsitz in Berlin hatte, operierte die Leonhard Tietz
Aktien-Gesellschaft vom westdeutschen Köln aus. Auch das
Kaufhaus Leonhard Tietz orderte eine Goodson-Platte mit speziellem
Reklameaufdruck: Goodson-214 zeigt auf der einen Seite die identische
"Fürsten-Drei-S"-Reklame wie die Hertie-Platte,
wahrend auf der Rückseite die Standorte der 34 rheinischen
Niederlassungen aufgezeigt werden. Die dazugehörige Plattenhülle
zeigt auf der einen Seite ebenfalls die Nadeldosen-Reklame, auf
der Rückseite die als Strahlenkranz arrangierten Niederlassungsorte
der AG im Deutschen Reich.
Auch die Leonhard Tietz AG wurde "arisiert"
und enteignet; sie wird heute unter dem Namen Kaufhof AG weitergeführt.
Aus Anlass der Novemberpogrome 1938 hat der WDR einen Dokumentarfilm
von Ludwig Metzger ausgestrahlt, in welchem der in New York lebende
Enkel von Leonhard Tietz interviewt wurde. Quelle: Quelle: Von
Nadel und Dosen von Rainer E. Lotz, Fox auf 78 Heft 7 Folge 9 |